Mirjam Wittig

2019

Den GWK-Förderpreis Literatur 2009 erhält Mirjam Wittig für einen Auszug aus ihrem Romanmanuskript „Wie ein Reflex“.

In ihrem Romanerstling spielt die Autorin ein politisch so heikles wie gesellschaftlich brandaktuelles Szenario durch: den Versuch der jungen, weltoffenen Restauratorin Noa, ihre Xenophobie, die ihr selbst zuwider ist, die sich aber trotzdem zur Angst vor städtischen Menschenmassen, vor der Komplexität urbanen Lebens überhaupt auswächst, in einem zeitgenössischen Arkadien zu überwinden – im vermeintlich einfachen Leben auf einem Gebirgsbauernhof im Süden.

Mirjam Wittig erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive ihrer Protagonistin und zieht ihre Leserschaft schon in den ersten Sätzen ins Bewusstsein ihrer Hauptfigur hinein. So spricht sie am Beginn ihrer Erzählung nicht einfach über den Angstanfall Noas und deren Versuch, sich selber zu retten, sondern sie macht den psycho-physischen Zustand ihrer Figur in einem kunstvoll inszenierten stream of consciousness für ihre Leserschaft quasi unmittelbar erlebbar. Überzeugend und packend sind in „Wie ein Reflex“ Inhalt und Form eins. Wort- und Satzmelodie sind wirkungsvoll eingesetzt. Mit der panischen Wahrnehmung der Protagonistin rast der Atem des Textes, seine Syntax bestimmen Aufschub und Bruch; beruhigt sich Noa, stabilisiert und normalisiert sich die Sprache des Romans.

Kein einziges Wort ist hier zuviel. Mirjam Wittigs Stil ist schnörkellos und transparent, bei aller Leichtigkeit dicht und voller Poesie. Sie gestaltet eine Szene so genau wie bedeutungsvoll, zugleich nüchtern und evokativ, hochsinnlich und plastisch, lädt sie atmosphärisch, auch metaphorisch auf. Und wenn sie das Lebensdrama der Protagonistin sowie die Bürde und inneren Konflikte der anderen Figuren in einer Situation nicht offenlegt, macht sie sie, was stärker ist, untergründig spürbar. Zudem durchzieht ein durchdachtes Gewebe aus Motiven ihren Text.

Aber ist die Komposition (das lassen schon die Textauszüge erkennen, die der Jury vorlagen) auch noch so reflektiert – eine abstrakte Romankonstruktion drängt sich dennoch nicht fade und klappernd in den Vordergrund.

Mirjam Wittigs „Wie ein Reflex“ ist der beherzte und hellwache Versuch, ein diffiziles und kontroverses Thema, ein bedrängendes Problem und einen populären Lösungsweg in einem Einzelschicksal erfahrbar und begreifbar zu machen, ohne zu simplifizieren oder zu desavouieren. Dabei bezieht sie sich kritisch auf die uralte literarische Arkadien-Tradition sowie auf die Geschichte gesellschaftlichen Aussteigertums. Die erst 23-jährige Autorin hat die Erzählperspektive klug gewählt, ihre Figurenkonstellation ist explosiv und auf einen spannenden Plot hin angelegt. Ihre Sprache zieht in Bann, lässt einen unwiderstehlichen Lesesog entstehen. Ihr Manuskriptauszug verspricht einen hoch reflektierten und zugleich sinnlichen, im besten Sinne unterhaltenden Roman, der die Zumutungen des Lebens nicht in einem „Lektüre-Arkadien“ ästhetisch aufhebt, sondern sie klarer sehen lässt und Mut macht, ihnen entgegenzutreten.

Susanne Schulte, Laudatio GWK-Förderpreis Literatur 2019

Künstlerin

1996* Rheine
Philosophie und Kulturreflexion in Witten

prosanova.net

 Jury

Dr. Katrin Lange, Literaturhaus München
Iris Henning, Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe e.V., Detmold
Dr. Jürgen Gunia, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster