Marcel Dickhage

2012 (mit C. Schuster)

Cathleen Schuster und Marcel Dickhage machen engagierte Kunst im besten Sinn. Sie bauen Installationen mit Videos, die problematische Aspekte der Wirklichkeit dokumentieren, Installationen, die auf der Ebene des Films sowie durch die Präsentation des Films im Kunstraum zugleich das Dokumentarische selbst reflektieren. Im Zentrum der Bewerbung von Schuster/Dickhage um den GWK-Preis stand die zweiteilige Video-Installation „Following the line of arguments“. Darin gehen die Künstler den Auswirkungen der globalisierten Arbeitswelt auf das Individuum und deren Abbildung in den Medien am Beispiel eines Nokia-Werkes im rumänischen Cluj nach. Die Fabrik war von Bochum nach Rumänien verlegt worden – und während der Dreharbeiten wurde ihre Schließung und die Verlagerung der Produktion nach Hanoi publik. Für den vierminütigen Film „POI“ – der Titel der Arbeit, ein gängiges Akronym der Navigationssysteme für „Point Of Interest“, ist nicht ohne bittere Ironie zu lesen – haben die Künstler das Nokia-Werk im Auto umkreist und dabei gefilmt. Das Video ohne Ton ist als Endlosloop auf eine mit Gerüststangen prekär abgestützte, mannshohe MDF-Platte projiziert. Wie provisorisch ist sie schräg im Raum aufgestellt. Ein wenig dahinter befindet sich auf dem Boden ein Fernsehgerät, auf dem das Video „Strada Fabricii“ läuft, betitelt nach dem noch aus kommunistischer Zeit stammenden Namen der Straße entlang der ehemaligen Fabriken in Cluj, wo auch das Nokia-Werk steht. Nach Umrundung der Handyfabrik fuhren die Künstler die Straße um das Werk weiter und filmten den Straßenzug mit hinter der Frontscheibe fest installierter, quasi-objektiver Kamera ab: eine öde und triste, ruinöse, arme, anonyme Szenerie. Der Film ist auf sieben Minuten geschnitten und nicht mit einem O-Ton unterlegt, sondern aus dem Off erklingt, ohne jede Atmo und nach-dem der Film einige Sekunden stumm angelaufen ist, wie aus dem Nichts die markante Stimme einer Frau mit rumänischem Akzent. Die Erzählerin rückt in den Vordergrund, gewinnt eine stille Präsenz und evoziert darin alle Arbeiterinnen der Fabrik. In Ich-Form und aus der Perspektive derer, die die Straße entlangfährt, in der Rolle der Autorin mithin, die versteht, was sie sieht, kommentiert und reflektiert sie die Geschichte der Straße. Doch der Unterschied von Sprecherin und wirklichem Autorenpaar Schuster/Dickhage, das den literarischen Filmtext verfasst hat, bleibt bewusst, so dass mit der Stimme nicht nur die weibliche Beleg-schaft der Fabrik präsent ist, sondern zugleich die Qualität der Zeugenschaft der wirklichen Autoren in Rede steht. Das Dokumentarische gibt sich als subjektive Interpretation, wie jeder Blick auf Wirklichkeit subjektiv ist, auch der, in dem das, was der Film zeigt, als schmerzhafte Metapher eines schmerzhaften Globalisierungsprozesses erscheint. Der verkauft sich als Fortschritt und Entwicklung, hinterlässt aber tatsächlich Ruinen, Ödnis, Depression, bevor die „Kette der Argumente“ die Produktion weiter treibt gen Osten – bis sie eines Tages im Westen wohl wieder ankommt. Die „line of arguments“ wird als Zirkel erkennbar so wie die Videos Endlosloops sind und der Kreis darin ein wiederkehrendes optisches und bildstrukturelles Moment ist. Was auf dieser Linie als nachhaltig gilt, wird schon über die Art der Präsentation der Arbeiten im Raum als instabil und ephemer erkennbar. In „Following the line of arguments“ machen Schuster/Dickhage die Logik lediglich profitorientierter Produktion und ihrer Vermarktung als Entwicklung und historischer Fort-schritt ästhetisch hinterfragbar: als verheerende Scheinlogik und Ideologie. Globalisierung erscheint als das Kreisen der Arbeit um den Globus herum, Geschichte als Kreislauf, ein Loop immer derselben, im Off aus-tauschbaren Geschichten von Aufbruch und Abbruch, Versprechen und Kollaps, erst Not, dann Auskommen, dann wieder Not. Die Installationen dokumentieren nicht allein das, was sie vordergründig im Bild als subjektive Wirklichkeit zeigen, sondern sie sind Dokumente einer durch sie sichtbar gemachten Struktur menschlichen Handelns. In einem jeden vermögen sie Fragen aufzuwerfen: Was ist „in Wirklichkeit“ der Gewinn unserer Produktionsform und für mich der Gewinn meiner Arbeit – und wie mache ich mir „in Wirklichkeit“ Bilder von dem, was wirklich ist?

Susanne Schulte, Laudatio GWK-Förderpreis Kunst 2012

Künstler

*1977 Herdecke
2001–2006 Grafikdesign und Fotografie an der Hochschule Wismar
2006–2009 Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Prof. Heidi Specker und Eiko Grimberg

Titre provisoire

Jury

Dr. Jens Kastner, Akademie der Bildenden Künste Wien
Jutta Laurinat, Flottmann-Hallen, Herne
Mathias Lindner,Leiter der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz
Antonia Low, GWK-Preisträger 2003, Berlin
Thomas Thiel Leiter des Bielefelder Kunstvereins
Vlado Velkov, Berliner Kurator des Kunstvereins Arnsberg