Jeronimo Voss

2014

In seinen Objekten und Installationen stellt Jeronimo Voss Trugbilder aus historischen Trugbildern, vorgefundenen Medienbildern und -texten sowie ausgewählten Kunstwerken her und macht darin die Trugbilder und das Trugbildhafte unserer gegenwärtigen Welt wie auch das Trügerische unserer Wahrnehmung kritisch identifizierbar. Seine Ästhetik, Form und Inhalt seiner Kunst, rekurriert auf eine revolutionäre Hypothese des 19. und eine revolutionäre Bildtechnik des 18. Jahrhunderts: die Phantasmagorien der Schausteller im postrevolutionären Paris und die Vielweltenvorstellung des Pariser Kommunarden Louis Auguste Blanqui.

Die sog. Phantasmagorie, das öffentliche Phantasma oder das Illusionsbild auf dem Marktplatz, das populär unterhielt, ist die Ursprungsform des Kinos. Ein versteckter Illusionsapparat, die Laterna Magica, projizierte Glasbilder auf Rauch. Die ersten zeigten Portraits von Marat, Danton, Robespierre; als wabernde Geistererscheinungen drohten die exekutierten Revolutionäre mit Auferstehung.

In seinem Video „Phantasmagorical Horizon“ weitet Jeronimo Voss den Horizont des Phantasmagoriebegriffs im Ausgang von einer Filmdokumentation der historischen Phantasmagorien auf das Phantasmagorische überhaupt hin aus. Er findet es in den zufälligen Lichterspiegelungen an den Fassaden unserer Innenstädte. Aber er entdeckt es auch, wie das Video seiner Projektion „In Dependent Gravity“ zeigt, in den Fassaden selber bzw. in den digitalen Architekturmodellen von solchen Fassaden, die nichts sind als Fassade, nämlich Fake oder Simulakrum. Als Neubauten imitieren sie, hier die Fachwerkhäuser, die in der Frankfurter Innenstadt derzeit errichtet werden, eine Bauweise, die tatsächlich der Vergangenheit angehört, aber unseren Wunsch nach einer heilen Welt und Beheimatung verkörpert, der ja auch die französischen Revolutionäre wohl trieb. In seinem Video animiert Jeronimo Voss ihre illusionistischen Modelle und zersprengt ihre Fassaden nach dem Muster, das der andere Teil seines Films vorgibt, der die Sprengung des letzten brutalistischen Hochhauses in der Frankfurter City dokumentiert. All das wird mithilfe einer Phantasmagorieapparatur projiziert, die, was man auf den zweiten Blick erst sieht, selber Fake ist. Sie produziert mit den Mitteln der digitalen Projektion die Illusion einer altmodischen Diaschau: eine Phantasmagorie über eine Phantasmagorie, die als solche durchschaubar sein soll. Etwas ist nicht das, als was es erscheint. Das heißt auch, dass das, was ist, etwas anderes sein, dass Wirklichkeit Möglichkeit sein und Möglichkeit Wirklichkeit werden kann.

Hier schließt sich die zweite Quelle der Ästhetik von Jeronimo Voss an, Blanquis kosmische Spekulation, dass jede irdische Situation nur eine Variante ist von im unendlichen Raum unendlich vielen Varianten dieser Situation. So gesehen, ist alles, was möglich ist, auch real; so gesehen, regiert keine Notwendigkeit das Weltgeschehen, ist alles möglich, die Geschichte ist offen, die Welt ein Möglichkeitsraum. Auch diese Möglichkeit erzählen die Phantasmagorien von Jeronimo Voss.

Seine Arbeiten, vor allem seine Collagen, die nicht durch das Überkleben von opaken Schichten entstehen, sondern mithilfe von Bilderrahmen und transparenten Bildern auf Glas, durch die das Licht fällt, sind zerbrechlich, leise, sensibel und voller Poesie. Die Idee der Revolution, dass die Verhältnisse anders sein können und die Welt, wie sie ist, nicht die einzig mögliche ist, halten sie aufrecht, doch ohne und gegen jedwede Attitüde von Gewalt, allein mit den illusionistischen, wahrhaft aufklärerischen Mitteln der Kunst.

Jeronimo Voss ist ein hellwacher und engagierter Künstler, der die phantasmagorische Realität und ihre falschen Versprechen von Heimat und Glück und ihre Mittel, sie zu realisieren, mit eben diesen Mitteln selbst kritisiert. Als Schausteller dreht er weiter am Rad der Revolution. Den alltäglichen Trugbildern stellt er seine reflektierten Phantasmagorien und eine poetische Sensibilität entgegen, die als Mittel ihrer Transformation und zugleich als das Woraufhin der Veränderung verführerisch in den Blick kommt. Und warum sollten nicht Sensibilität und Zartheit die neue Welt ermöglichen, eine der Freiheit und Gleichheit, der Transparenz und Solidarität, an deren Herbeiführung Revolutionäre scheitern mussten, müssen? Ob auch sie ein Trugbild ist, entscheiden die Betrachterinnen und Betrachter und jeder in seiner, und jede in ihrer Welt möglicherweise anders.

Susanne Schulte, Laudatio GWK-Förderpreis Kunst 2014

Künstler

1981* Hamm
2003–2009 Freie Bildende Kunst, Staatl. Hochschule für Bildende Künste Städelschule, Frankfurt a.M.
2002 Studium Kommunikationsdesign, Gesamthochschule Essen

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Jury

Sandra Dichtl, Dortmunder Kunstverein
Ben Kaufmann, Neuer Aachener Kunstverein
Thomas Thiel, Bielefelder Kunstverein