Irene Strese

2021

Spielerisch und mit einem Augenzwinkern setzt Irene Strese in ihren Arbeiten die Automatismen des Verstehens, der Wahrnehmung und Bedeutungszuweisung, außer kraft und macht die Kontextabhängigkeit von Sinn und Bedeutung erfahrbar. Phänomenal höchst individuell, sind ihre Objekte, Ensembles und Installationen von starker sinnlicher Präsenz – so besondere wie sonderbare, skurrile Erscheinungen, jede ein „Irgendwas-mit-Etwas“. So könnte man im Hinblick auf die Titel formulieren, die die befremdlichen Arbeiten in ihrer GWK-Preisträgerausstellung „Halt und Hürde“ tragen. Ironisch-antizipatorisch spielen sie mit der Wendung „irgendwas mit Kunst“, die häufig als abfälliger Kommentar zu zeitgenössischen Kunstwerken laut wird. Irene Streses Arbeiten irritieren, denn ihr Sinn erschließt sich nicht unmittelbar, weil herkömmliche Begriffe für das, was man sieht, versagen. Den einen Anlass zum Unmut, ist das andren Anreiz zur Heiterkeit und kreativer Impuls. Sie nehmen ihre Irritation als Aufforderung wahr, anzuhalten und sich auf die Kunst der Bildhauerin einzulassen. Wer ihr aber Zeit und Aufmerksamkeit schenkt, gerät in ein schöpferisches Spiel aus sinnlicher Wahrnehmung, Imagination und Reflexion und wird mit einer kostbaren Selbsterfahrung, mit Entdeckerfreude und Erkenntnisgewinn belohnt.

Irene Strese arbeitet inhaltlich-thematisch und situationsbezogen. Sie kombiniert handgemachte Objekte unterschiedlicher Größe, zumeist aus Keramik, auch aus Kunsthaar oder Stoff, entweder miteinander oder/und mit industriell produzierten Alltagsgegenständen, etwa einem geschmiedeten Gartentor, einem Wok oder Hindernisbalken aus dem Reitsport und Barhockern, wie in „Halt und Hürde“. Die Künstlerin hat sämtliche Arbeiten, die sie zu einer einzigen großen Rauminstallation in ihm zusammenführt, inhaltlich und formal aus dem Ort heraus für ihn entwickelt, dennoch weist ihr Ensemble weit über sich und die Galerie in der Reithalle hinaus auf Allgemeines. Noch nie hat sie so ortsbezogen gearbeitet. Es scheint, die städtische Galerie in Schloß Neuhaus ist ein Glücksfall für sie, denn in ihrer Preisträgerschau kommt ihr künstlerischer Ansatz voll zum Tragen.

Die markante Architektur des Raumes erzählt von seiner historischen Nutzung als Reitbahn durch preußisches und englisches Militär und sucht sie zugleich durch Vorbauten an den Wänden, die einen traditionellen Ausstellungsaufbau ermöglichen sollen, zu kaschieren. In „Halt und Hürde“ dekonstruiert die Künstlerin charakteristische Momente des Ortes und transformiert sie in etwas befremdlich Neues, Individuelles, in Irgendwasse-mit-Kunst. Zum Beispiel:

Das zentrale Element der Holzständerkonstruktion, den Y-Träger, der dem Gebäude Halt gibt, übersetzt sie in eine übergroße, farbig glasierte Keramik gleicher Form, ein „Irgendwas mit Träger und Segeltau“, das, nur an einem Seil befestigt, bedrohlich und behindernd an einem Dachbalken des Fachwerks schwingt. Was Halt gibt, hat in sich selber keinen und muss von andrem gehalten werden; seine Funktion und sein Sinn erfüllen sich nur im Zusammenhang oder sie werden durch ihn zerstört.

Das „Irgendwas mit Springhürden und Keramik“, das mit seinen weiß überstrichenen alten Turnierbalken und zerbrechlichen keramischen Unikaten als Ständer und Stützen an ein übergroßes Mikado erinnert, stellt seinen inneren Halt als Resultat der prekären Kombination aus erlernbarem technischen Können und formal ungebundener Gestaltungskraft, von Kalkül und Assoziation, aus.

Zugleich macht das Irgendwas erkennbar, dass diese Kunst dem Verstehen nicht Halt, sondern vielmehr eine Hürde sein will, die mit den Standardbegriffen nicht kognitiv übersprungen, aber im Einhalten und verweilenden Sich-Einlassen interpretierend genommen werden kann.

So wie die Pferde in der Reitbahn aufs Springen über Hürden abgerichtet werden und auf den optimalen Weg durch den Parcours trainiert, damit sie schnell, ohne Fehler und Bocken ins Ziel, an den Wettbewerbspreis kommen, so sind wir erzogen, in den gängigen Bahnen zu laufen, vorgegebenen Zielen und Zwecken hinterher, in konventionellen Konzepten und allgemeinen Mustern zu denken und zu fühlen, zu verstehen und zu handeln, um in der Arena des Lebens die Hürden geschmeidig zu nehmen, das, was ist, und uns selbst beständig reproduzierend. Für welchen Preis? Den der Lebensfreude, des Sinns? Um welchen Preis?

Irene Strese lässt uns erfahren, dass es eine Lust sein kann, vor Hürden zu bocken, Halt zu machen und Kunst dabei nicht mit der vor-geschriebenen Haltung zu begegnen, die dem Geniekult der Renaissance um den, selbstverständlich männlichen, Künstler entsprungen ist, die sie als etwas Geniales und Aristokratisches dem Alltag enthebt und ihre Rezeption dem trüben Denken vorbehält. So könnte man ihr Video „Irgendwas mit Kopfhalter und Video“, das prominent am Beginn, am Kopf der Ausstellung steht, interpretieren. Es zeigt die Künstlerin, wie sie im Park des Neuhäuser Renaissanceschlosses mit einem unterarm- und keulenähnlichen Irgendwas in ihren Händen spielt, mit ihm ihren Kopf hält oder es frei, als treibe sie Gymnastik, mal mit dem linken, mal mit dem rechten Arm schwingt. Dabei tanzt sie und blickt direkt in die Kamera, mit den Zuschauer:innen flirtend. Diese erkennen zugleich in dem Ding an der Wand neben dem Monitor vor ihnen das Keramikobjekt des Videos.

Ist dies nicht eine „sanfte Keule“ gegen Auguste Rodins Skulptur „Der Denker“, die Dekonstruktion eines der bedeutendsten Beispiele und Muster europäischer Skulptur und ihrer Rezeption? Den Ellbogen aufs rechte Knie, das Kinn auf den Rücken der rechten Hand gestützt, sitzt der Denker in der typischen Haltung des Melancholikers und der Melancholie.

Weder hat die Künstlerin „Halt und Hürde“ aus dieser Haltung geschaffen, noch hält sie ihre Gäste an, eine solche beim Haltsuchen und Hürdenspringen, egal ob in der Kunst oder im Leben, einzunehmen.

Irene Strese lädt vielmehr ein, diesseits der Begriffe und spielerisch zu denken, die festen Formen und Bedeutungen, die Verhältnisse metaphorisch und real zum Tanzen zu bringen, weltzugewandt, freundlich.

Susanne Schulte, Laudatio GWK-Förderpreis Kunst 2021

Künstlerin

*1986 Iwanowka, Kirgisistan
2006–2010 Studium der Erziehungswissenschaft und Kunst an der Universität Hildesheim
2010–2014 Studium der Kunst- und Kulturvermittlung an der Universität Bremen
2014–2018 Studium der Freien Kunst bei Andree Korpys und Markus Löffler an der Hochschule für Künste Bremen
2018–2019 Meisterschülerin bei den Professoren Andree Korpys und Markus Löffler

Homepage der Künstlerin

Ausstellung: „Halt und Hürde”, 10.10.2021–09.01.2022, Städtische Galerie in der Reithalle in Paderborn-Schloß Neuhaus

Jury

Dr. Andrea Brockmann, Städische Museen und Galerien Paderborn
Danuta Karsten, GWK-Förderpreis 1997, bildende Künstlerin, Recklinghausen
Noor Mertens, Kunstmuseum Bochum
Franziska Reinbothe, bildende Künstlerin, Leipzig
Regina Selter, Museum Ostwall, Dortmund
Christina Végh, Kunsthalle Bielefeld
Katrin Wegemann, GWK-Förderpreis 2010, bildende Künstlerin, Berlin
Lukas Zerbst, GWK-Förderpreis 2018, bildender Künstler, Hannover