Dagmara Kraus

2010

Die Lyrikerin Dagmara Kraus ist polyglotte Philologin, eine so sprachgläubige wie sprachskeptische Liebhaberin des Wortes. Sie kennt seine Magie, welche Musik ist und Rhythmus und Welten erschafft; zugleich weiß sie um’s Prekäre allen Mitteilens und Benennens. Was wissen die Wörter über die Welt? So offenkundig wie implizit ist das Problem der Bedeutung und des Weltbezugs oder Inhalts der Wörter, sind sprachliche Welterkenntnis und Kommunikation –: ist das Medium „Sprache“ das Generalthema ihrer Gedichte. Es vermittelt sich durch deren Schwer- bis Unverständlichkeit, nicht über ausdrücklich-direkte Reflexionen der Autorin. Nichtverstehen ist hier die Normalsituation des Rezipienten. Dabei schreibt Dagmara Kraus deutsch, befolgt zumeist die Muster der deutschen Grammatik und Wortbildung. Doch trotzdem verstehen sich ihre Texte nicht von selbst. Kühn montiert die Lyrikerin geläufige Wörter zu sperrigen, manchmal humorigen und ironischen Metaphern, bildet sie Ableitungen, die grammatisch korrekt, aber im Lexikon nicht vor-geschrieben sind. Sie benutzt Fachsprachen, veraltete Wörter, Fremdwörter und Fremdsprachen, Topoi humanistischer Bildung wie auch hier und da mal erfundene Signifikanten. So wirkt der deutsche Text fremd wie ein fremdsprachiger Text und zwingt die, die verstehen wollen, zur Lektüre jener Wörterbücher, die auch die Autorin beim Dichten benutzte. Ob sich jedoch dann ihr Gedicht und mit ihm die Welt sich erschließt, steht dahin. Denn die Wörter verweisen auf andere Wörter und Bücher, diese wieder auf wieder andere, diese Wörter auf Wörter… Eine Sprache der Natur, in der Wort und Ding, Erkenntnis und Bedeutung zusammenfielen und die den Definitionsregress ins Unendliche stoppte, ist nirgends greifbar. Der Mythos von Babel liefert auch bei Dagmara Kraus das Denkbild dazu. Die „Unbeitreiblichkeit der Sterne, der Toten“ (Gedicht: „Brandwache“) ist so sicher wie Gedichte „Verseluch“ (Gedicht: „Schieberlist“) sind und „Raubkapital“ (Gedicht: „lieber lichtpausen“): Übersetzungen von Sprache in Sprache. Intellektuell und kalkuliert, klangmächtig und rhythmussicher, magisch inszeniert die Lyrikerin die Unfähigkeit der Sprache, die Welt zu begreifen, und insistiert doch, indem sie schreibt, darauf, dass Verstehen möglich sein müsste mit ihr. Das reflektiert ihre ureigne Metapher für ihr Tun: „ich kratikuliere“ (Gedicht: „lieber lichtpausen“). Mithilfe eines Gitternetzes mithin, mithilfe von Lexikon, Grammatik und Morphologie, überträgt sie Wörter in Worte, Wörter für Welterfahrung in andere Wortkomplexe. Was entsteht ist „cratis“, sind „craticulae“, Geflecht und Flechten, kunstvoll zarte, kleine Artefakte, die wie Natur sein sollen, die aber Übersetzungen sind, denen das Paulinische „Hos-me“ ein-geschrieben ist: Wirklichkeit und Bedeutung besitzen sie so, als ob sie sie nicht besäßen –, denn sie besitzen sie faktisch nicht. Lyrische Artikulation als „Kratikulation“: das ist selbst-bewusstes Sprechen als Spiel mit dem Zauber der Sprache und der Versuchung der Kapitulation vor ihr.

Susanne Schulte Laudatio zum GWK-Förderpreis 2010

Künstlerin

1981* Breslau
Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Leipzig, Berlin und Paris

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Jury

Sabine Scho, Lyrikerin, GWK-Förderpreis 2000, Berlin/São Paulo
Norbert Wehr, Schreibheft, Köln/Essen
Cornelia Jentzsch, Kritikerin, Berlin