Clemens Botho Goldbach

2013

Clemens Botho Goldbach baut Konzepte in den Raum: raumgreifende Skulpturen, die zumeist Architekturen sind, manchmal auch aus Naturdingen gemacht; immer sind sie so ortsgebunden wie weltbezogen. Alles, was wir sehen, ist, was es ist: ein Baumstamm ein Baumstamm, ein Ytong- ein Ytongstein, ein Betonverschalungselement ein eben solches, historische Ziegel sind historische Ziegel und Mauerwerk ist echtes Gemäuer, gemauert in situ im Maßstab 1:1. Alles, was wir sehen, ist zugleich jedoch mehr als nur das sinnlich Präsente. Nicht nur sind die Objekte nicht autonom im Hinblick auf ihren konkreten (Um)Raum, sondern Clemens Goldbach macht sie zu Trägern von Repräsentationen. Als solche holen sie die Geschichte des Ortes, an dem sie stehen, in ihren vielfältigen, häufig exemplarischen, Begebenheiten und geistig-kulturellen Bezügen sowie immer auch unsere Gegenwart in die Arbeit hinein. Dazu gibt der Künstler den skulpturalen Elementen einer Installation jeweils einen vielgestaltigen Paratext bei. Dieser lässt – ein wenig abseits von den Skulpturen, formal durchdacht und schön in Vitrinen oder wie eine kleinteilige Großcollage an speziellen Wänden präsentiert – den konzeptuellen Horizont einer Arbeit ahnen: In der Regel umfasst er die Architektur, die soziale und kulturelle Funktion wie die Geschichte des Ortes, an dem die Installation steht, und er geht aus dem Quellenstudium des Bildhauers und seiner Internetrecherche hervor, die bei der Homepage des Ausstellungsorts beginnt, um dann von Googles Text- und Bildverweisen in potentiell unendliche Weltbezüge zu schweifen. Neben diesen eher objektiven Momenten finden ins Konzept einer Goldbachschen Arbeit seine persönlichen Vorlieben Eingang. So ist an dem Künstler gewiss ein Maurer und Architekt verloren gegangen, weltanschaulich fallen Bezüge zur Gotik und Romantik, zu Rationalismuskritik und Existenzphilosophie und zum Christentum auf. Jede Arbeit Clemens Goldbachs ist ein bedeutungsgeladenes, ein denotations-, konnotations- und assoziationsträchtiges, materiell sich aufdrängendes raues und robustes, sinnlich und formal extrem ansprechendes Imaginier-, Fühl- und Denk-Mal. Durch Form und Material bestechend, macht es Lust auf Lektüre und Interpretation, durch’s 1:1 verführt es die Betrachtenden, sich in ihrer Leiblichkeit, damit auch geistig-seelisch zu ihm in Beziehung zu setzen und den Ort, ihn durchschreitend, innerlich zu überschreiten. Nicht nur räumlich und zeitlich. Denn charakteristisch für Clemens Goldbachs Arbeit ist eine Verinnerlichung und Innerlichkeit, eine Aus- und Aufstiegsenergie, die dem massiven Äußren und der ‚Erdung‘ seiner Skulpturen entgegenzustehen scheint. Tatsächlich geht der Impetus zur Transzendenz gerade jedoch aus diesen hervor, ex negativo. Das wird besonders sinnfällig in dem einen Saal der Arbeit „CODEX“ im Arnsberger Kloster Wedinghausen, den der Künstler unter die Überschrift „F.H.L.“ stellt und demonstrativ leer lässt – als sei sie uns in einer globalisierten materialistischen Welt verloren gegangen: die Spiritualität. Auf Spiritualität als historisches Faktum weist der Ausstellungsort, ein säkularisiertes Kloster. „CODEX“ bezieht sich auf sie, nicht in ihrer christlichen Ausprägung, sondern im Sinn einer vertikalen Offenheit der Existenz und eines menschlichen In-der-Welt-Seins, das einer spirituellen Heimat genauso bedarf wie es Häuser braucht aus Ziegeln oder Beton. „F.H.L.“ steht für Faith, Hope, Love, für Glaube, Hoffnung, Liebe in der lingua franca der globalisierten, vor allem der abendländischen Welt. Einige mögen sich erinnern, dass nur „diese drei“ uns nach dem 1. Brief des Paulus an die Korinther bleiben, uns, die wir die Welt, uns selbst und Gott nicht erkennen können. Angesprochen ist die geistig-seelische Dimension unserer Existenz. Immer wieder rührt Clemens Botho Goldbach in seiner Arbeit an sie, aber, so verhalten und zeitgenössisch gebrochen wie er auf es in der englischen Abbreviatur anspielt: er baut nicht auf das Evangelium, appelliert vielmehr an die Imagination und seelische Kraft derer, denen seine Installationen Fühl- und Denk-Mal sind. In ihrer Klarheit machen sie  klar, dass menschliches In-der-Welt-Sein Mauern und Fundamente aus Stein zwar braucht, dass Leben aber nur gelingt, wenn die  Mauern sich öffnen zur Welt und zu einem Himmel – symbolisch stehen dafür Goldbachsche Orte wie Klöstern, Bibliotheken, Kirchen –, der heute leer sein mag. Entscheidend, so scheint bei Clemens Goldbach zu lesen, scheint die spirituelle Öffnung und Suchbewegung zu sein, die wir erleben, in der Religion wie in der Kunst.

Susanne Schulte, Laudatio GWK-Förderpreis Kunst 2013

Künstler

*1979 Köln
Kunstakademie Münster bei Gunther Keusen und Daniele Butte
Meisterschüler von Gunther Keusen und Daniele Buetti
Anerkennungspreis zum GKW-Förderpreis 2007

Homepage des Künstlers

Jury

Dr. Julia Draganovic, LaRete Art Projects, Modena / New York
Susanne Kleine, Kunst- und Ausstellungshalle der BRD, Bonn
Paula Mueller, GWK-Förderpreis 2009
Kristina Scepanski, Westfälischer Kunstverein, Münster
Vlado Velkov, Kunstverein Arnsberg/Berlin