Arnold Maxwill

2016

Arnold Maxwill schreibt irritierende und spröde, in freirhythmischen Versgruppen zu je drei Zeilen äußerlich fest gefügte Gedichte. Sie prägt eine Haltung der Distanz und Rationalität sowie ein spezifischer, analytisch-objektivierender Blick und ein eigenständiger, bei starkem Einsatz der lautlich-musikalischen Mittel der Sprache doch immer sachlich-nüchterner Ton. Unter dem Obertitel verschränktes Gelände nimmt der Lyriker in der Gedichtserie, mit der er sich um den GWK-Förderpreis beworben hat, das aktuelle Dortmunder Stadtgebiet ins Visier: einzelne Straßenzüge, Wohnsiedlungen, Brachflächen, ein Areal ehemaliger Schwerindustrie, Parks, den renaturierten Flusslauf der Emscher, den Dortmund-Ems-Kanal oder eine innerstädtische Naturschutzzone –, kartierte Orte großstädtisch transformierter Natur oder von Flora und Fauna durchzogener Zivilisation. Die Gedichtüberschriften nennen das jeweils anvisierte Gelände bei seinem Namen. Prominent in der Gedichtüberschrift „Hoeschlektüre“, aber auch in den Texten selbst, nennt der Autor das, was er mit seinen Versen tut, „Lektüre“: Er liest das „verschränkte Gelände“ dort draußen, sein Gedicht ist eine Lektüre der Außenwelt, nicht deren bloß dokumentarisches Abbild in gewöhnlicher Sprache, sondern deren deutende Transformation. Entsprechend sind die benannten Dortmunder Orte im Text auch nicht wiedererkennbar. In poetologischer Lesart wird durch die Überschrift „Hoeschlektüre“ jedes Gedicht selbst zu einem „verschränkten Gelände“, das „Lektüren“ im Sinne des Autors fordert. Arnold Maxwill rekurriert mit dem Wort „Lektüre“ und in mit diesem verwandten Signifikanten auf geschichtlich wirkmächtige Ideen. Er ruft mit ihm den christlich-romantischen Topos von der Lesbarkeit der Welt auf bzw. das Konzept einer Sprache oder Schrift der Natur. Danach wohnt den Naturdingen eine aus dem göttlichen Logos fließende Sprache inne, die sich in ihrem Äußeren als oder wie eine Schrift artikuliert und dadurch das innerste Wesen der Dinge objektiv offenbart. Sie ist Voraussetzung und Grundlage der menschlichen Sprache und muss von den Menschen, die qua Lektüre ins Innerste der Welt einzudringen hoffen, gehört und gelesen und in Menschensprache übersetzt werden. Diese Hoffnung allerdings erfüllt sich, selbst für die Inspirierten, nie. Andernorts bringt Maxwill Verwandtes, Säkulares, ins Spiel: die medizinisch-alchemistische Signaturenlehre, die besagt, dass sich in seinen äußeren Merkmalen, „Signaturen“, das substantielle, innere Wesen eines Dings offenbart und sich in ihnen sein innerer Zusammenhang mit anderen Naturdingen sowie seine Wirkung auf diese ausdrückt. Auch die Signaturen müssen von Kundigen gelesen werden. Doch der Lyriker bezieht sich auf diese logozentrischen Konzepte, die auf dem Dualismus von Innen und Außen, Kern und Gehäuse, eigentlichem Wesen und kontingenter Erscheinung, beruhen und bis in die Moderne die Naturlyrik durchdrangen, um ihnen abzusagen – und dennoch die Tradition zugleich fortzuschreiben aus der aufgeklärten Perspektive des Städters des 21. Jahrhunderts. Denn eine subjektivistische Ausdrucks- oder Erlebnislyrik, die die Außenwelt vollkommen in das ‚lyrische Ich‘ hineinzieht, lehnt er durch den evidenten Rekurs auf die „Lektüre“-Tradition implizit gleichfalls ab. In und aus seinen Gedichten ist, versteht man sie poetologisch, zu lesen, dass für den Dichter Arnold Maxwill seine Lektüre des Dortmunder Geländes „eine Art / von Abbruchmanagement“ ist, „abgezuppt & anarchistisch“ (Gebietsentwicklung, 13), Dekonstruktion der Tradition und als solche „Gebietsentwicklung“ im Gelände der Lyrik.  Seine „Lektüren“ lesen, beziehen sich auf sinnlich erfassbare Oberflächen, Sichtbares und Hörbares. Analytisch, an den heutigen Methoden und der Sprache der Naturwissenschaft geschult, durch die Reflexionen der Linguistik und Philosophie, durch die Literatur und die Literaturgeschichte hindurchgegangen und gewiss im Wissen um das schwermütige Scheitern der Kollegen, die vordem im vormodern-hermeneutischen Sinn die Welt lasen, entwickelt der Dortmunder Dichter seinen ganz eigenen Ansatz, den selbst „Konzept“ zu nennen er jedoch zurückweist („Konzepte? nein“, Gebietsentwicklung, 13). Er legt „Sichtfelder“ im Gelände fest und übersetzt diese ins Gedicht in einer ihm eigentümlichen, abstrakten, Strukturen, Elemente, Zusammenhänge und Bewegungen, bisweilen objektale Konstruktionen nüchtern, hart bis schroff und nominal benennenden Sprache. Im Gedicht reflektiert er zudem den Wahrnehmungsvorgang als solchen, als ein unauflösliches Ineinander, ein „verschränktes Gelände“, von komplexen, bei allen Menschen gleichen, physiologischen Prozessen und kulturell-einzelsprachlich vermittelten Operationen, die von den konkreten Gegebenheiten von Subjekt und Objekt abstrahieren („Roggen für jede Retina“: Auf dem Brink, 4). Doch wird durch dieses Vorgehen nicht ein Inneres geleugnet, die Welt und das Ich überhaupt auf Oberflächen und bloße Physis reduziert, die äußere Natur und der Mensch selbst auf ein manipuliertes „Gelände“. Arnold Maxwill scheint vielmehr ein unsagbares freies Inneres und eine freie Natur negativ abzustecken und in seinem Gegenteil Zeichen dieses Anderen auszumachen, eines äußeren „offenen Geländes“ (Auf dem Brink, 4) und eines natürlichen Innenraums: „so / bleibt der Innenraum schön unmarkiert.“ (Bereitschaftsfläche, 5). Hier und da scheinen in seinen Texten, auch im Wortfeld des Fließens, mit der Möglichkeit, dass sich alle Sichtfelder durch das deregulierende (vgl. Verschiebung, 7) und anarchische Wirken der Natur, die auch der Mensch ist, ändern und mit der subjektiven Möglichkeit auch des Dichters, all seine Sichtfelder zu re-vidieren –, hier und da scheinen in seinen Gedichten die ‚Verschränkungen‘  sich zu lösen und sie selbst sich und die Lesenden zu öffnen auf das, was damit als das Kostbarste und Schönste erkennbar wird. So schließt Hoeschlektüre offen und ohne Punkt: „was sich meldet trotz Schorf & / Schrunden: Sanftheit; feuchte Re- / visionen. – Unterkunft, innerhalb“

Susanne Schulte, Laudatio GWK-Förderpreis Literatur 2016

Künstler

1984* Niederrhein
Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Wien und Münster

fixpoetry.com

Jury

Dr. Florian Höllerer, LCB-Literarisches Colloquium Berlin
Adrian Kasnitz, Schriftsteller, GWK-Förderpreis 2011, Köln
Reto Ziegler, Edition Korrespondenzen, Wien